Frühlingstour 2010: Lübeck - Holsteinische Schweiz, Eckernförde und zurück (April 2010; 320,70 Km, 4 Tage)
Tag 1: Lübeck - Bad Malente
55,20km
13 - 15 °C

Lübeck: Blick von der Eric Warburg Brücke auf Teile der Hafenanlagen
Nach dem erfolglosen Versuch im schneereichen Februar wird es im April dringend Zeit für eine erste "richtige" Radtour in diesem Jahr. Die ersten milden Frühlingstage haben den langen Winter vergessen lassen und die Lust auf unbeschwertes Radreisen geweckt.
Diese erste kleine Radreise ist zudem eine Premiere: Ich mache sie auf meinem nagelneuen Reiserad der Lübecker Manufaktur
Räderwerk-Liebmann (siehe
Portrait), einer hochwertigen High-End-Maschine mit aktueller Spitzentechnik und gediegener Optik. Und um es schon einmal vorwegzunehmen: Fahrkomfort und -spaß waren so hoch, dass mir selbst steile Bergetappen in der Holsteinischen Schweiz, ein zuweilen recht harscher Gegenwind oder gar Dauerregen nicht die Laune verderben konnten - ganz im Gegenteil.
Die erste Etappe beginnt recht spät am Samstagnachmittag. Meine Reiseroute existiert nur als grobe Richtung; ich will mich treiben lassen, einfach meiner Lust und meinem Interesse folgen. Die Campingplätze haben im April fast alle wieder geöffnet, so dass ich meine Etappenziele spontan wählen kann. Und so radele ich an einem milden Samstag nach Nordosten in Richtung Holsteinische Schweiz. Ein trotz aller Entspannung zumindest heute gewagtes Unterfangen, weil der Wind genau aus dieser Richtung bläst - und zwar nicht zu knapp. Was soll′s, denke ich mir, der Winterspeck muss ohnehin mal endlich weg...

Wald bei Bad Schwartau

Das neue Räderwerk-Reiserad
Um 15.00 Uhr sitze ich endlich auf dem Sattel und radele mit kleinem Gepäck über die Lübecker Nordtangente in Richtung Bad Schwartau. Kleines Gepäck bedeutet, dass ich auf die vorderen Packtaschen an den Low Ridern verzichte und meine Siebensachen auf dem Gepäckträger untergebracht habe. Zwei große Seiten-Packtaschen sowie ein Packsack müssen genügen - für vier Tage braucht es ohnehin nicht allzu viel Zeug.
Auf der Nordtangente überquere ich mit der Eric-Warburg-Brücke die Trave, was mir den Shuttlebus am unsäglichen Herrentunnel erspart. Dieser zweite mautpflichtige Tunnel Deutschlands ist selbst jetzt, knapp fünf Jahre nach seiner Eröffnung, ein permanentes ärgernis für den nichtmotorisierten Verkehr und ein verkehrspolitisches Fiasko für die Hansestadt. Noch immer wartet man vergeblich auf eine separate Fußgänger- und Fahrradspur - und damit bei jeder Durchfahrt immer wieder auf den Shuttlebus. Letzterer ist der privaten Betreibergesellschaft schon lange ein Dorn im Auge, weshalb sie immer wieder versucht, diese vertragliche Verpflichtung loszuwerden. Dies hätte zur Folge, dass Fußgänger und Radfahrer die Trave an dieser Stelle gar nicht mehr unterqueren könnten. Aber auch für den motorisierten Verkehr ist der Tunnel mit der stetig teurer werdenden Maut wenig erbaulich. Alles in allem also ein typisches Negativbeispiel für ein ideologisch gewolltes Public Private Partnership Konzept.

Auf geht&prime:s gegen den Wind
Über die Posener Straße geht es weiter auf die Schwartauer Allee und schließlich in den Kurort Bad Schwartau hinein, dessen neu gestaltete Stadtmitte den spröden Charme einfallsloser Kommerzarchitektur versprüht. Schnell lasse ich die kleine Stadt mit der salzigen Thermalquelle hinter mir und radele entlang der L 309 nach Norden. Der starke Wind erfasst mich hier nur schräg von der Seite, was mir streckenweise Geschwindigkeiten von bis zu 30 km/h ermöglicht. So fliege ich förmlich an den ostholsteinischen Dörfern Techau, Pansdorf und Pönitz am See vorbei, während mir eine kräftige Frühlingssonne aufmunternd auf den Kopf scheint. Aber irgendwann ist Schluss mit lustig und ich muss nach links abbiegen, also genau in die Hauptwindrichtung radeln.
An einem Tisch mit Bank mache ich eine kleine Rast, danach geht es auf in den Kampf. Bis Woltersdorf windet sich die kleine Landstraße durch idyllische Landschaften, doch das Radeln ist wegen der vielen Kurven durchaus erträglich. In Kesdorf allerdings habe ich die Holsteinische Schweiz endgültig erreicht und der Anstieg der Dorfstraße will überhaupt nicht mehr aufhören, während der Wind zur Unterstützung der Steigung kräftig von Vorn bläst. Das erste - und durchaus nicht letzte - Mal auf dieser Reise schalte ich in die kleinsten Gänge und arbeite mich schwitzend voran. Denn auch das allerbeste Fahrrad mit den allerbesten Komponenten kann seinen Fahrer an Steigungen und bei Gegenwind nicht davor bewahren, sich körperlich ins Zeug legen zu müssen. So geht es munter weiter. Der Wind ist zuweilen so stark, dass ich bei Abfahrten bremsen muss, um nicht von seitlichen Böen in die Gosse gepustet zu werden. Wind ist beim Radfahren eigentlich immer ungerecht und böse.

Eutin: Marktplatz

Nebenstrecke in Eutin
So radele ich am späten Nachmittag auf der K55 über Barkau und Groß Meinsdorf in die kleine Kreisstadt
Eutin (17.000 Einwohner) hinein. Viel zu sehen gibt es hier außer dem Marktplatz mit seiner historischen Bebauung nicht, daher verlasse ich das Städtchen schnell wieder in Richtung Bad Malente. Eine dicke Baustelle im Zentrum Eutins zwingt mich allerdings zu Umwegen, und wie so oft gilt die Umleitungsbeschilderung nur dem Kraftverkehr. Um nicht auf der verkehrsreichen Süd-Umgehung meine Radreiselust zu riskieren, muss ich mich durchfragen. Ein nettes Pärchen weist mir ausführlich den Nebenweg in Richtung Fissau, wo ich nach einer kleinen und ruhigen Schotterpassage auch tatsächlich lande. Die wenigen Kilometer bis
Bad Malente wären kaum der Rede wert, gäbe es am Südufer des Kellersees nicht den ein oder anderen heftigen Anstieg zu bewältigen. Aber schließlich will man auch nicht umsonst durch den Naturpark Holsteinische Schweiz radeln. Dessen hügel- und seenreiche Landschaft geht zurück auf die Weichseleiszeit und ist heute nicht nur eine der touristisch bedeutsamsten, sondern auch radfahrtechnisch anspruchsvollsten Regionen Schleswig-Holsteins.
Mittlerweile ist es spät geworden und damit Zeit, mein Nachtquartier aufzubauen. Ich habe mich für den den Campingplatz an der Schwentine entschieden, einen kleinen, gemütlichen und recht empfehlenswerten Campingplatz am gleichnamigen Fluss, der mit 62 Kilometern Länge zu den längsten Schleswig-Holsteins zählt. Hier ist die Schwentine allerdings noch sehr jung und gluckst als breiteres Bächlein durch den unteren Teil der Zeltwiese. Einige Entenfamilien wohnen ebenfalls dort und suchen auf regelmäßigen Patroullien zwischen Zelten und Caravans nach Leckereien.
Am späten Abend setze ich noch die Holsteinische Schweiz unter Wasser - oder besser unter Bier, als mir bei der Routenplanung eine Dose des Feierabendgetränks versehentlich umkippt und ihren Inhalt über meine Landkarte ergießt. Bleibt zu hoffen, dass dies kein schlechtes Omen für dem morgigen Tag sein möge...

Zelten an der Schwentine in Bad Malente

Auf geht′s in die Holsteinische Schweiz
Tag 2: Bad Malente - Kiel - Eckernförde
105,70km
14 - 20 °C

Entlang des Postsees bei Preetz
Nach einer sehr geruhsamen Nacht erwache ich erholt und frisch gestärkt für eine längere Etappe. Schnell baue ich mein Zelt ab, denn noch scheint der Wind wenig Lust zum Blasen zu haben. Wenn er erst im Laufe des Tages auffrischt, kann ich noch einige Kilometer ohne zusätzliche Behinderung abspulen. Davon mal abgesehen, präsentiert sich der neue Tag in allerschönstem Sonnenschein und mit milden Teperaturen - allerbestes Radfahrwetter also.
Aus Malente herauszufinden, ist zunächt ein wenig beschwerlich. Die kleine Landstraße ins Ortsteil Neverfelde ist zu unauffällig, als dass ich sie auf Anhieb finden kann. So muss ich erst einmal wenden und einen übermütig herunter gerollten Berg wieder hinauf kurbeln, bevor ich mich im sanften Hügelland nördlich des Dieksees verliere.
Grebin, Lebrade, Lepahn - das Radeln fällt trotz der gelegentlichen Anstiege leicht, die mit zunehmender Entfernung von den großen Seen um Malente und Plön an Schärfe verlieren. Erst in Schellhorn geht es über längere Zeit wieder bergan, dann erreiche ich die nette "Schusterstadt"
Preetz. Hier folge ich der Radwegbeschilderung in Richtung Kiel, die mich über einen Feldweg entlang des Post-Sees durch idyllische Moorlandschaften führt.
Im winzigen Sieversdorf genieße ich für die vorerst letzten Kilometer die Ruhe und Entspanntheit abgelegener Landwege. Es ist so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, denn ich bewege mich Radumdrehung für Radumdrehung auf die Landeshauptstadt Kiel zu. Hinter dem Weiler Dinghorst ist es schließlich soweit: Kiel-Rönne prangt an einem Ortsschild, das mit seiner dörflichen Umgebung einen staken Kontrast zu dem abgibt, was in den nächsten Kilometern folgen wird. Und ehe ich mich versehe, wachsen Dorfstraßen zu Magistralen an und verwandelt sich holpriger Asphalt in breite Betonbänder, die auf Hochtrassen dem Zentrum zustreben. Kein Zweifel, ich habe die größte Stadt auf meiner Radreiseroute erreicht. Und die nächsten Stunden werde ich damit beschäftigt sein, sie in ihrer kompletten Süd-Nord-Ausdehnung zu durchqueren.

Ruhe vor dem Sturm...

Kiel in Sicht

Inside Kiel
Es braust, stinkt und lärmt. 237.000 Einwohner sind nicht die Welt, trotzdem macht
Kiel gewaltig auf dicke Hose. Der motorisierte Verkehr bewegt sich auf veritablen Hochtrassen, verschwindet in breiten Tunnelsystemen und tost über autobahnähnliche Vielspurer. Der ortsfremde Radler indes guckt zunächst in die Röhre, denn seine Radwege verlieren sich nur allzu oft im labyrinthischen Klein-Klein der Nebenstraßen. Wer den Magistralen aus Gründen der Orientierung folgen will, findet häufig keinen Anschluss, weil Radwege weder Hochtrassen noch Tunnels folgen. Eigentlich kein Problem, gäbe es eine befriedigende Radweg-Beschilderung. Diese allerdings weist, wenn es sie mal gibt, entweder auf das Zentrum oder irgendwelche belanglosen Stadtteile hin, nicht jedoch in meine Richtung. Und so verfahre ich mich erst einmal gehörig und muss mehr oder weniger blind beängstigend beiläufigen Radspuren folgen, bevor ich endlich am Sammelpunkt des südlichen Einfallsverkehrs lande.
Nun beginnt die Detektivarbeit. Ich hangele mich von Kreuzung zu Kreuzung, vergleiche Straßennamen und Himmelsrichtungen, bemühe einen verknitterten Faltplan und seherische Intention. Tatsächlich gelingt es mir, die optisch wenig ansprechende Stadt ohne weitere Irrfahrten zu durchqueren und punktgenau die Prinz-Heinrich-Straße zu erreichen. Denn nur dort kann ich auf einer der seltenen Hochbrücken den Nord-Ostsee-Kanal überqueren und vom Landesteil Holstein nach Südschleswig überwechseln.

Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal
Auf der Hochbrücke mache ich erstmal eine kleine Pause, sammele mich und rolle hinein in den
Dänischen Wohld auf der Halbinsel zwischen Kieler Förde und Eckernförder Bucht. Der Wind hat mittlerweile aufgefrischt und bläst mir zuweilen kräftig entgegen. Der Kontrast der agrarisch geprägten Landschaft mit ihren weiten Feldern und Waldgebieten zum lärmig-abweisenden Kiel ist groß und versorgt mich mit einer Zusatzportion Radel-Motivation für den letzten Teil dieser Etappe.
Das gemütlich wirkende Städtchen
Gettorf bildet das Zentrum des Dänischen Wohlds und ist gleichzeitig sein größter Ort. Von hier geht es weiter nach Bornstein, wo der straßenbegleitende Radweg haarsträbende Beschädigungen aufweist - und zwar nicht nur die üblichen Aufwerfungen durch Baumwurzeln, sondern zusätzliche Speichenkiller in Form tiefer Einfräsungen quer zur Fahrbahn. Der Intelligenzorden geht hier an die zuständige Baubehörde.

Ende der Eckernförder Bucht mit Eckernförde
Von nun an ist alles ein Klacks. Nach wenigen Kurven erreiche ich die Eckernförder Bucht, um deren Ende sich die Stadt
Eckernförde mit ihren knapp 23.000 Einwohnern zieht. Mein anvisierter Campingplatz befindet sich auf der gegenüberliegenden Nordseite der Bucht auf der Halbinsel Schwansen, was mir eine erste Komplettdurchquerung des Ostseebades erlaubt. Und in der Tat: In der aufgeräumt wirkenden Stadt lädt außer einer langgezogenen Fußgängerzone auch der gemütliche Stadthafen zum Flanieren ein. Mein Campingplatz "Ostseecamping Hemmelmark" allerdings ist weniger angenehm zu erreichen. Zwar liegt er am nördlichen Stadtrand direkt am Ufer der Bucht, doch liegen genau dort auch Kaserne und Hafen der Bundesmarine. Was zur Folge hat, dass das weitläufige Areal nicht nur umfahren werden muss, sondern man den Campingplatz nur über eine teilweise sehr steile und knapp drei Kilometer lange Schotterstraße erreichen kann. Und das ist beileibe kein Vergnügen mit einem beladenen Reiserad. Zum Ausgleich bin ich der Einzige auf der riesigen Zeltwiese und habe meine wohlverdiente Ruhe, fernab aller menschlichen Lärmemmissionen.
Trotzdem muss ich für das Abendessen noch einmal in die Eckernförder Innenstadt radeln. Wegen der speziellen Lage meines Quartiers werden so aus zwei Kilometern Luftlinie schnell zehn Kilometer Realstrecke, die zu einem guten Drittel über lästigen Schotter führen. Zum Ausgleich für diese Mühe schlafe ich nach einem züftigen Feierabendbier tief und fest dem kommenden Tag entgegen.

Am Stadthafen Eckernförde

Sonnenuntergang auf der Zeltwiese
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Posener Straße, Lübeck
An der L76 bei Pönitz
Vor Eutin
Blick aus dem Zelt
Zeltplatz im Morgennebel
Auf der Zeltwiese
Familie Ente
Morgentoilette
Knorrige Baumallee vor Preetz
Schuhdenkmal in der "Schusterstadt" Preetz
Am Postsee bei Preetz
Auf dem Weg nach Kiel
Kiel 1
Kiel 2
Dänischer Wohld, bei Dehnhöft
Speichenkiller im Radweg bei Bornstein
An der Eckernförder Bucht
Fußgängerzone Eckernförde
Schotterweg zum Campingplatz Hemmelmark
Altstadt Eckernförde
Stadthafen Eckernförde
Sonnenuntergang auf dem Campingplatz Hemmelmark