Frühlingstour 2010: Lübeck - Holsteinische Schweiz, Eckernförde und zurück (April 2010)
Tag 3: Eckernförde - Ascheberg (Plöner See)
85,60km
9 - 13 °C

Seitlich der B76 bei Schellmark
Mit dem Wetter kann man sich schnell vertun. Nachdem die Temperaturen in der Nacht bedrohlich nahe an den Gefrierpunkt gefallen sind, präsentiert sich der neue Morgen in vielversprechendem Sonnenschein. Ich beschließe, die Radshorts anzuziehen. Doch selbst nach dem zögerlichen Zeltabbau und Bepacken des Rades lässt die erhoffte Frühlingsmilde auf sich warten und ich komme nicht drumherum, Beinlinge überzustreifen. Sei′s drum, vielleicht ändern sich die Dinge ja noch.
Zu meinen ersten Herausforderungen an diesem Tag gehört erstmal, den steilen Schotterweg hinter mich zu bringen. Dann arbeite ich mich durch Eckernförde hindurch und radele schließlich entlang der B 76 in den Dänischen Wohld hinein. Die Bundesstraße wird zwar vorbildlich von einem Radweg begleitet, lässt wegen des starken Verkehrs aber jedes Idyll vermissen. So wie hier sieht es an unzähligen Orten quer durch die Bundesrepublik aus - standardisierte Verkehrsfunktionalität gepaat mit genormter Landschaftsnivellierung. Zum Glück werde ich bei Schnellmark ein wenig vom Asphaltband fortgeleitet und habe halbwegs meine Ruhe vor dem Verkehr. Kurz vor Gettorf werden Radfahrer zur Ortsdurchfahrt gezwungen, erst danach geht es weiter entlang der Bundesstraße in Richtung Kiel. Kurz vor Blickstedt radele ich gemütlich weiter auf einer alten Nebenstrecke zur Bundesstraße, und kurz darauf kurbele ich wieder auf den Zubringer zur Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal hinauf. Ich verlasse Südschleswig und stürze mich ein zweites Mal mitten ins Getümmel der lärmigen Landeshauptstadt. Mein Vorteil: Diesmal kenne ich einen Großteil des Weges und muss mich nicht mehr mit meiner zerknitterten Karte herumschlagen.

Kieler Panorama (von Hochbrücke aus gesehen)

Kiel, Theodor-Heuss-Ring / B 202
Das Wetter hat sich nicht gebessert, und auch Kiel ist für die zweite Durchfahrt nicht schöner geworden. Es stinkt und lärmt noch immer auf den breiten Straßen, die auffällig häufig von Funktionalarchitektur aus den 1970ern gesäumt werden. Es wechseln sich westlicher Plattenbau mit gekachelten Hochhaussolitären und klobige Einkaufs-Malls mit rotziegeligen Endlosreihenhäsern ab. In Gegenrichtung zu meiner gestrigen Route komme ich problemlos bis zum Knotenpunkt Theodor-Heuss-Ring / Neue Hamburger Straße voran, wo ein großer Teil des südlichen Verkehrs verarbeitet wird. Hier beginnt die B404, der ich der Einfachheit halber ein paar Kilometer weit bis Großbarkau folgen möchte.
Nur, wo bloß beginnt der begleitende Radweg, den mir die ADFC-zertifizierte Radkarte vollmundig versprochen hat? Es dauert nicht lange, und ich stehe wieder ratlos an genau jener Kreuzung, an der ich gestern die Orientierung verloren habe. Mutig folge ich einer zaghaften Radweg-Beschilderung, die mich durch ein locker bebautes Industriegebiet leitet. Es folgen ein paar Schotterwege, das Verlagshaus der Kieler Nachrichten und ein Acker, bevor mich der Nebenweg auf die B404 entlässt. Ich habe es geschafft, endlich kann ich Kilometer machen und dem nicht sehr fahrradfreundlichen Moloch entkommen. Zusammen mit einem güstigen Wind kurbele ich mit freudigem Tempo über den begleitenden Radweg und wundere mich, wie schnell die Kreuzung nach Großbarkau vor meinem Lenker erscheint.

Im Moor hinter Postfeld
Über Großbarkau, Honigsee und Sieversdorf geht es weiter nach Postfeld. Das hügelige Terrain macht mir unmissverständlich deutlich, dass ich mich wieder dem Herz der Holsteinischen Schweiz nähere. Hinter Postfeld führt mich der ausgeschilderte Radweg mitten hinein in ein Moor am östelichen Postsee-Ufer, wobei die Wegequalität zuweilen beägstigend schlecht wird. Hier muss nur ein Radwegweiser fehlen, und ich verfahre mich auf ewig im agrarischen Off. Zum Glück ist die Beschilderung vollständig, so dass ich ohne unnötige Umwege in Depenau auf die L76 treffe. Auf den ersten Kilometern ist diese verkehrsreichere Landstraße leider nicht mit einem Radweg gesegnet. Dieser taucht erst ein wenig später auf und geleitet mich sicher auf einer leicht abschüssigen Topographie nach Ascheberg hinein, das am Westufer des Großen Plöner Sees liegt.
Ascheberg (3.200 Einwohner) ist nicht viel mehr, als ein paar dröge Häuser, die sich entlang der B430 um das Westufer des Sees ziehen. Viel los ist hier nicht, und auch Sehenswürdigkeiten sucht man vergebens. Genau wie die Anmeldung am Campingplatz Musbergwiese, dem größten der beiden am Ort. Zwar ist noch Vorsaison, doch einen Kiosk neben einem Restaurant kann ich bei allem detektivischen Gespür nicht finden und verlasse die Wohnwagensiedlung angesäuert. Die Anmeldeprozedur auf dem Campingplatz Seekamp gelingt dagegen auf Anhieb. Ein wenig kleiner und leicht abseits des Dorfkerns gelegen, zeltet es sich hier um so idyllischer in fast schon familiärer Atmosphäre. Schade, dass die meisten Touristen den parzellierten Caravanpark bevorzugen - wenn sie es denn schaffen, dort ordnungsgemäß einzuchecken.
Nach einem letzten Einkauf im nahen Supermarkt verkrieche ich mich im Schlafsack, denn die Temperaturen fallen an diesem Abend rapide. In der Nacht ist sogar Frost angesagt, und gegen Mitternacht zeigt das Thermometer stolze 0,4 Grad. Da muss wohl kaum erwähnt werden, dass ich auch meine Beinlinge den ganzen Tag über anbehalten habe. Dass morgen sogar meine Handschuhe zum Einsatz kommen werden, ahne ich im warmen Schlafsack noch nicht...

Im Moor hinter Postfeld

Der Große Plöner See

Gemütliche Zeltwiese, Camping Seekamp
Tag 4: Ascheberg (Plöner See) - Lübeck
84,20km
5 - 8 °C

Regnerischer Start bei Bosau
Der April meint es nicht gut mit mir. Die kalten Temperaturen der Nacht wollen auch beim Abbau meines Gerödels nicht nennenswert steigen. Ein dunkler Himmel wölbt sich über einem tristen Ascheberg und es riecht bedrohlich nach Regen. Ich ziehe meine Thermohose an und verstaue die Regensachen so im leicht zugänglichen Packsack, dass ich sie der Reihe nach schnell greifen kann: erst die Regenjacke, dann die Regenhose. Bevor ich losradele, streife ich mir zudem Handschuhe über, denn bei nicht einmal fünf Grad sind Teile der Winterausrüstung wieder gefragt. Wie gut, dass ich sie überhaupt mitgenommen habe, denn beim Packen meiner Siebensachen vor vier Tagen wies nichts, aber auch garnichts darauf hin, dass so etwas in die Nähe des Möglichen rücken kann.
Hinter Dersau schließlich stoppe ich ein erstes Mal und schlüpfe in die Regenjacke. Trotz der Kälte schwitze ich gehörig, denn es geht mächtig bergan. Auf dem folgenden Weg nach Bredenbeck ist dagegen eine ausgedehnte Abfahrt angesagt. Aber auch hier muss ich eine Zwangspause einlegen, denn der Regen hat mittlerweile den Turbogang eingelegt. Nun kommt auch noch die wasserdichte Überhose zum Einsatz. In voller Regenmontur kurbele ich weiter über Kembs und Weitewelt nach Seedorf, von wo aus es auf einer ruhigen, aber nassen Nebenstraße nach Glasau geht. Das alles natürlich nicht, ohne im Seedorfer Ortsteil
Weitewelt einen verschämten Fotostopp einzulegen, um in bester Tourimanier das lustige Ortschild abzulichten.
Es folgen sechs radweglose Kilometer nach Ahrensbök, auf denen mir zudem noch der Wind bremsend ins Gesicht bläst. Den letzten Abschnitt dieser Frühlingstour verbuche ich unter fortgeschrittener Langeweile und triefender Nässe. Zum einen ist das Radeln an der tristen L184 ausgesprochen abwechslungsarm, zum anderen fällt mir der Regen in kalten Bindfäden ins Gesicht. Schön ist das alles nicht, gehört aber zum festen Repertoire möglicher Radreise-Bedingungen. Und diese wollen gemeistert werden, wozu diese Etappe eine gute Übung ist. Zum Glück muss ich mit meinen nassen Klamotten nicht im Zelt schlafen, denke ich bei der Durchfahrt Bad Schwartaus. Alles Weitere ist eingefahrene Routine, die mich über die Nordtangente wieder nach Hause bringt.

Auf dem Weg nach Bredenbek

Zwischen Seekamp und Glasau
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An der B76 bei Schnellmark
Tunnelblick
Kieler Panorama
Nord-Ostsee-Kanal
Nord-Ostsee-Kanal
Endlich raus aus Kiel, an der B404
Zwischen Löptin und Depenau
Bei Depenau
Campingplatz Seekamp in Ascheberg
Ein Hingucker: Ortschild Seedorf-Weitewelt
Am nassen Weg nach Grasau