spatzier.net

Service-Navigation


Unheimliche Nachtwanderung in West-Jytland: Von Vejlby-Klit zum Bovbjerg Fyr

Weitere Fotos am Ende der Seite - auch von Lemvig und Struer

Gibt es Geister?


Die Dämmerung bricht an
Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem Tod, Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum oder Geister gibt. Wir wissen auch nicht, wann uns unsere Fantasie Dinge glauben machen will, die es nach den allgemein anerkannten Gesetzen der Naturwissenschaften weder geben kann noch darf, oder wann wir uns wirklichen Phänomenen gegenübersehen, für die es keine herkömmlichen Erklärungsmuster gibt. Unser Halbwissen über die Formen übernatürlicher Erscheinungen kennt Dinge wie ortsgebundenen oder personengebundenen Spuk, Medien, Ektoplasma oder Dämonen - aber nur aus mittelmäßigen Filmen und versehentlich gelesenen Büchern.

Wenn es aber Geister gibt, dann gibt es sie mit hoher Wahrscheinlichkeit an der westjytländischen Küste Dänemarks zwischen Thorsminde und Thyboroen. Die Dichte der Wracks erreicht hier einen seltenen Höhepunkt und die Zahl der im Meer ertrunkenen Seeleute muss gigantisch sein. Ein paar von ihnen dürften sicher noch irgendwelche unerledigten irdischen Aufgaben nachhängen, die sie auf unbestimmte Zeit an den Ort ihres gewaltsamen Todes fesseln. Und wenn dem so sein sollte, dann ist die Wahrscheinlichkeit in der Dunkelheit am größten, ihre Nähe zu erahnen...

Wir sind mal wieder in unserem Ferienhaus in Vejlby Klit, zwölf Kilometer südlich von Thyboroen, wo der Limfjord zur Nordsee durchgebrochen ist. Es ist Herbst und wir haben eigentlich schon lange alles gesehen, was die meditativ-raue Landschaft an Sehenswertem zu bieten hat. Und viel ist das beileibe nicht. Während sich hier im Sommer Touristenmassen an den Stränden räkeln und dem Badeurlaub frönen, zeigt sich dieser Landstrich im Herbst so, wie er wirklich ist - leer, öde und karg. Wenn man dann die ewigen Strandwanderungen satt hat, weil das Meer zehn Kilometer weiter oben genauso aussieht, wie zehn Kilometer weiter unten, bleibt einem außer der Flucht in den Glühwein mit Schuss nur noch die ins Esoterische. Und so machen wir uns eines Abends in der Dunkelheit auf den Weg zum Bovbjerg Fyr. Hin und zurück macht das immerhin knappe zwölf Kilometer Strecke, die zu einem beträchtlichen Teil durch Dünen und über schwer begehbare Sandwege führt. Nichts Ernstes, aber auch nichts für Fußlahme.

Zwischen Ferring See und Nordsee


Gedenkstein zur Küstenbefestigung
Mit der aufziehenden Dämmerung verlassen wir unser Häuschen und stapfen durch die Dünen auf den Leuchtturm zu. Gerade eben hat er zum ersten Mal damit begonnen, sein kreisendes Licht durch die kühle Luft zu schicken. Es sind nur ein paar Grad über Null, doch schnell wird uns wegen der Kletterei durch die Sandberge warm.

Nach einer Viertelstunde taucht zu unserer Linken der etwa fünf Kilometer lange Ferring See auf. Nun haben wir den Sandweg erreicht, der auf einem Damm aus befestigten Dünen entlang führt. Dieser Damm trennt den kleinen Binnensee vom riesigen Meer, das dem dänischen Festland mit seiner immensen Kraft immer wieder ganze Stücke herausreißt. Trotz der Befestigungen dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die Nordsee auch den kleinen Ferring See einverleibt hat.

Mit den Kilometern wird es immer dunkler. Wir verlassen den Dünenweg und marschieren entlang des Ferringsee-Ufers durch wehrhafte Salzstrauchwiesen, die den See umstehen. Am Ende des Sees vor den ersten Häsern Ferrings sind wir fest davon überzeugt, dass die Nacht nun ihre tiefste Dunkelheit erreicht hat. Wir irren uns gewaltig. Irgendwie geht es immer noch ein Stückchen dunkler.


Steinhaufen vor dem Atelier von Jens Søndergard


Im Bovbjerg Minimuseum

Menschenleeres Ferring


Figur schaut über das Meer
Passend zur Stimmung erscheint Ferring als Geisterstadt. Niemand ist auf den Gassen zu sehen und aus keinem der Fenster dringt auch nur ein Hauch Licht. Sicher wohnen hier auch in der Nebensaison ein paar Einheimische, doch von ihnen sieht man nichts. Die wenigen Touristen haben es sich in ihren Ferienhäsern gemütlich gemacht, sitzen vor ihren Kaminen und schlürfen Glühwein. Andere kochen in der Sauna und kühlen sich danach im Swimmingpool ab. Unsere heimelige Gemütlichkeit ist noch weit entfernt, und überhaupt dürfte es in der Geschichte des kleinen Dorfes nur wenige Gäste gegeben haben, die eine solch ausgedehnte Wanderung zu dieser Jahreszeit in der Dunkelheit unternommen haben.

Am Ende der Ortschaft, kurz bevor unser Weg die Steilküste hinaufführt, steht das Bovbjerg Minimuseum. In der keinen Hütte befinden sich einige Informationstafeln zur Steilküste, zum Leuchtfeuer und seiner Geschichte sowie über die Küstenbefestigung. Ich halte die Kamera in den schwarzen Raum und fotografiere mit Blitzlicht. Vielleicht lassen sich später und bei genauem Hinsehen einige geisterhafte Schatten auf den Bildern ausmachen.

Anschließend verlassen wir den kleinen Ort und wandern über die Steilküste auf das immer näher rü,ckende Leuchtfeuer zu.


Alter Wehrmachtsbunker

Ferrings Hausberg


Stiege in die Finsternis
Mit 35 Metern über dem Meeresspiegel ist der Bovbjerg die höchste Erhebung der weiteren Umgebung. Das klingt nach wenig, ist für die Nordseekü,ste jedoch eine ganze Menge und will natürlich auch erklommen werden. Gleich hinter dem Minimuseum beginnt ein Trampelpfad, der direkt an den Abbruchkanten der Steilkü,ste auf den Gipfel führt. Es gibt zwar auch einen asphaltierten Fahrweg, doch dieser scheidet für uns Nachtwanderer kategorisch aus.

Bisher sind wir ohne Taschenlampe gewandert. Haben sich die Augen erstmal an die Dunkelheit gewöhnt, sieht man auch weit außerhalb von Ortschaften ausreichend gut. Doch unser Trampelpfad ist bereits bei Tageslicht stellenweise kaum zu erkennen, so dass wir lieber im Schein unserer LED-Lampen weitermarschieren. Zu groß ist außerdem die Gefahr, an der Abbruchkante in die Tiefe zu rutschen.

Im oberen Drittel, schon fast unterhalb des rotierenden Leuchtfeuers, kommen wir an einigen Überbleibseln des Nordatlantikwalls vorbei. Hier stehen noch einige begehbare Bunkeranlagen aus Deutschlands dunkelsten Zeiten. Sicher hat man bereits damals die gute Aussicht vom Bovbjerg militärisch genutzt. Auch hier halte ich die Kamera ins Innere der bedrohlichen Betonquader.


Kleiner Bunker
Nur noch ein paar Meter, und wir stehen auf dem Gipfelplateau des Bovbjergs. Von hier aus erhebt sich der Leuchtturm nochmal 27 Meter in den nächtlichen Himmel und schickt sein Licht weit über die oft mörderische Nordsee. Wir halten inne und lauschen dem Wind. Kein Stimmen sind zu hören, kein Flüstern und kein Klagen. Die Wracks liegen 70 Meter unter uns tief im Sand begraben. Und mit ihnen all die tragischen Schicksale ihrer Besatzungen. Heute haben ihre Geister Urlaub, vielleicht sehen wir sie ein anderes Mal. Noch schnell einen Schluck Wasser getrunken, dann geht es den ganzen Weg wieder zurü,ck nach Vejlby Klit. Und wir haben es eilig, denn dort warten Glühwein, Sauna und Pool auf uns.


Endlich am Leuchtfeuer - dunkler geht es nicht mehr...

Fotoblock

Highslide-Galerie: Auf Bilder klicken und dann Navigationsleiste in der Großansicht nutzen!

Karten

  • Karte Dänemark


Alle Inhalte © Frank Spatzier 2009