Berliner Streifzüge, November 2006Mit dem Rad durch die Gropiusstadt |
![]() Imagewerbung getreu dem Motto: "Und man kann eben doch hier wohnen..." Bereits 1958 angedacht, erhielt das Großsiedlungsprojekt im Süden Neuköllns mit dem Mauerbau 1961 neuen Auftrieb. Die Abriegelung Westberlins führte zu einer Verknappung und Verteuerung von Bauland, was die Konzentrationsdichte von Wohnungen in den stadtplanerischen Konzepten erhöhte. So galt auch für das Projekt "Berlin-Buckow-Rudow", wie die spätere Gropiusstadt damals genannt wurde, mehr und mehr die Devise Quantität statt Qualität. Errichtet werden sollte die Großsiedlung auf den Agrarflächen der damals noch kleinen Dörfer Britz, Buckow und Rudow, also auf der grünen Wiese vor den Toren Berlins. 1959 erklärt Walter Gropius (1883 - 1969), Gründer des richtungweisenden Staatlichen Bauhauses zu Weimar, seine Bereitschaft zur Mitarbeit. Zusammen mit seinem Bostoner Architekturteam TAC (The Architects Collaborative) erstellt er zwei Bebauungspläne, von denen der zweite als Überarbeitung des ersten kurz vor der Grundsteinlegung (7. November 1962) den Berliner Stellen präsentiert wurde. Die 16.000 Wohnungen sollten demnach zu 60% in zwei- bis dreigeschossigen Gebäuden untergebracht werden, die restlichen in acht- bis vierzehngeschossigen Hochhäusern. Die Wohndichte sollte durch auflockernde Flächen (Grün- und Wasserflächen) auf einem erträglichen Niveau gehalten werden, außerdem sollten viele Fußwege die Siedlung erschließen. Gropius orientierte sich dabei konzeptionell an der Bruno Tauts Hufeisensiedlung und wollte ein angenehmes, luftig-sonniges Wohnumfeld schaffen. |
![]() Das halbrunde Gropiushaus Gleichwohl wurde die neue Großwohnsiedlung "Berlin-Buckow-Rudow" im September 1972 ihm zu Ehren in Gropiusstadt umbenannt. Parallel zur Errichtung der Gebäude wurde das Arreal auch verkehrstechnisch erschlossen, was sich insbesondere in der Verlängerung der U-Bahnlinie 7 zeigt, die sich oberirdisch als zumeist begrünte Leitlinie durch die Siedlung zieht. Eine der letzten größeren Aufwertungsmaßnahmen war 1994 die Errichtung der "Gropius-Passagen", einem modernen Einkaufszentrum mit angeschlossenem Parkhaus. |
![]() Das Ideal-Hochhaus Unser erstes Ziel ist das bekannte Gropiushaus, das sich wie ein Amphitheater halbkreisförmig um eine dahinterliegende Parkanlage schmiegt. Die Anzahl der Wohnungen ist beträchtlich, auch wirkt das dunkle Grau der Fassaden wenig aufheiternd. Daran ändern auch die kreisförmigen Balkone vor den Treppenhäusern nichts, die ein wesentliches Element dieser Gropius'schen Architektur darstellen. Umweit des Gropiushauses ragen mit dem Ideal-Hochhaus beeindruckende 89 Meter Beton in den Süd-Neuköllner Himmel. Dieses ebenfalls von Gropius (in Zusammenarbeit mit Alexander Svianovic) entworfene Gebäude in der Fritz-Erler-Allee ist mit seinen 32 Etagen das höchste Wohnhochhaus Berlins. ![]() Weitblick von der 32. Etage des Ideal-Hochhauses Wieder unten, statten wir den Gropius-Passagen in der Johannistaler Allee einen Besuch ab. Dieses 1994 zur sozialen Aufwertung der Großsiedlung errichtete Einkaufszentrum beherbergt die üblichen Filialisten, die in Tausenden anderer Passagen und Einkaufszentren zu finden sind. Aufwertung durch Konsum - diese einseitige und eindeutig marktwirtschaftlich geprägte Vorstellung von Lebensqualität dürfte spätestens in den unzähligen Hartz IV - Haushalten als ideologische Lebenslüge entlarvt werden. Wir schauen uns in ein paar Läden um und radeln weiter zum Einkaufszentrum Wutzkyallee, einem zweiten Konsumtempel, der architektonisch eine Epoche älter ist und so besser in das Umfeld Gropiusstadt passt - im negativen Sinne. Ganz in der Nähe befindet sich übrigens der alte Jugendtreff von Christiane F., der heute immer noch in Betrieb ist. Vor dem Einkaufszentrum findet gerade ein kleiner Markt statt. Die wenigen Städe verlieren sich ein wenig im Schatten der umliegenden Betonmassen, verleihen der Gegend aber ein klein wenig mehr Menschliches. |
![]() Skulptur vor Beton Wir lassen noch ein paar Eindrücke auf uns wirken und machen uns auf den Rückweg. Nächstes Ziel: Kreuzbergs Hinterstube und das Kotbusser Tor. |
![]() Am Kotbusser Tor SO 36, der Kreuzberger HinterhofWer an Kreuzberg denkt, hat zumeist türkisch-deusches Multikulti, an "Klein Istanbul" heruntergekommene Gebäude, die Hausbesetzerszene, alternative Wohnprojekte und einen harten, dreckigen Kiez im Kopf. Das stimmt nur zur Hälfte, denn das gleichnamige Viertel rund um die höchste natürliche Erhebung Berlins, den 66 m hohen Kreuzberg, hat auch eine andere, eher bürgerliche Seite. Das Erstgenannte findet sich vor allem im Bereich des ehemaligen Postbezirks SO 36 (Süd-Ost 36), der vor der Wende wie eine Nase nach Ost-Berlin hineinragte, zu großen Teilen von der Mauer umschlungen war und eine Art Halbinseldasein führte. Hier war ein wichtiger Konzentrationspunkt der Hausbesetzer-, Alternativ- und Protestszene; von hier gingen und gehen regelmäßig Krawall- und Protestzüge aus.Die Gegend um das Kottbusser Tor ist vielleicht kein typisches Beispiel für das urtümliche und klischeehafte Kreuzberg, dafür aber eines für die Provozierung sozialer Schwierigkeiten durch eine kurzsichtige Stadtplanung. Vor den 1970-er Jahren befand sich an dieser Stelle noch die alte Bebauung aus der Gründerzeit. Die dunklen, verschachtelten und rundum altertümlichen Gebäude passten nicht ins Bild der progressiven Stadtentwickler, was durchaus nachvollziehbar ist. Doch anstelle einer weitsichtigen Baupolitik riss man die Backsteinhäuser kurzerhand ab und pflanzte an die Stelle den sterilen Hochhauskomplex des Neuen Zentrum Kreuzberg. Das kühle Gebäude mit seinen unübersichtlichen Ladenzeilen und Treppenhäusern entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Drogenkonsumenten und -händler. Auf dem davor liegenden Platz am U-Bahnhof Kottbusser Tor sowie dem Wassertorplatz ist häufig eine verstärkte Polizeipräsenz zu beobachten, denn auch ist der Rand der Gesellschaft öffentlich präsent. ![]() Rückfront des Hochhauskomplexes Zentrum Kreuzberg Das Gebiet ist nicht nur Schauplatz von Drogenliebhaberei und -kriminalität, sondern auch von intra-ethnischen Konflikten. Im Januar 1980 wurde am Kottbusser Tor der türkische Gewerkschaftler und Lehrer Calettin Kesim von Angehörigen der rechtsradikalen türkischen Gruppierung "Graue Wölfe" niedergestochen. Er verblutete auf offener Straße. Eine Bronzestele des Bildhauers Hanef Yeter erinnert heute daran. Von seiner Rückseite aus betrachtet, bietet das Neue Zentrum Kreuzberg einen kühlen und abweisenden Anblick. Es kontrastiert schroff mit der alten Bausubstanz der angrenzenden Straßenzüge. Die Kahlschlagsanierung nach dem abstoßenden Vorbild am Kottbusser Tor konnte hier Dank veritabler Mieterproteste verhindert werden, die insbesondere von den Geschäftsinhabern ausging, die um ihre Laufkundschaft fürchteten. Mit Erfolg, denn der "Berliner Häuserkampf" leitete über in eine akzeptable Politik der behutsamen Sanierung. |
Am Menschen vorbei gebaut: Potsdamer Platz![]() Potsdamer Platz, Blick in Richtung Torhäuser Im Vordergrund stand der Wunsch nach ökonomischer Repräsentation sowie die schon an anderer Stelle benannte marktwirtschaftlich geprägte Vorstellung von Aufwertung / Lebensqualität durch Konsum. Planerisch wurde hier mit den beliebten "Public Private Partnership" - Modellen gearbeitet, was städtischen Stellen einen weiten Raum an Mitgestaltungsmöglichkeiten aus der Hand nahm. Realisiert wurde am Ende ein steriles Ensemble an repräsentativen Prachtbauten, die den flanierenden Menschen nur Kulisse für konsumorientierte und -konforme Handlungen sind. Alles andere wird erst gar nicht zugelassen, abweichendes Verhalten von den Schwarzen Sheriffs der privaten Sicherheitsdienste umgehend des Platzes verwiesen - letzten Endes eine ökonomische Okkupation des öffentlichen Raumes. ![]() Potsdamer Platz: Nichts wie weg... Wir nehmen eine Reklametafel am Bahnhof Potsdamer Platz wörtlich und suchen das Weite (siehe Bild). |
|
|
| Home |
| Reiseberichte |
| Berliner Steifzüge 1 |
| Radreiseberichte |
| Politische Texte |
| Sozialwissenschaft |
| Brennpunkt Demokratie |
| Textpool |
| Foto des Monats |
|